JUEDISCHE LEHRER

Lehrer und Prediger der Synagogengemeinde Siegen

Mit dem Zuzug jüdischer Familien nach Siegen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts musste über den Unterricht für die Kinder nachgedacht werden. „Im Jahr 1871 gründeten die im Stadtbezirk Siegen wohnenden Israeliten eine Schule“ schrieb Simon Grünewald in einem geschichtlichen Rückblick zur Grundsteinlegung der Synagoge im Jahre 1903. Ob es einen regelmäßigen Religions-Unterricht für die jüdischen Kinder gab, ist nicht bekannt.
Die drei ab 1882 an der Schule tätigen jüdischen Lehrer Felix Coblenz, Meyer Lilienfeld und Simon Grünewald unterrichteten jeweils knapp 20 bis etwa 25 Schülerinnen und Schüler. Zugleich waren die Lehrer zum Dienst als Prediger und Kantor der jüdischen Gemeinde verpflichtet. Einen Rabbiner konnte sich die kleine Gemeinde nicht leisten.

Felix Coblenz

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F.Coblenz

Felix Coblenz wurde am 30. Dezember 1863 in Ottweiler/Saar geboren. Er besuchte die Volksschule seiner Vaterstadt und bis 1878 das Progymnasium in St. Wendel. An der Marks-Haindorf-Stiftung zur „Bildung von Elementarlehrern und Beförderung von Handwerken und Künsten unter den Juden“ in Münster erhielt er die Ausbildung zum Lehrer, die er Ostern 1881 erfolgreich abschloss. Im Herbst 1885 legte Coblenz an der Lehrerbildungsanstalt zu Büren im Kreis Paderborn die Zweite Lehrerprüfung ab.
Bereits am 9. April 1882 trat Felix Coblenz seinen Dienst in Siegen an. Im Mai 1882, zwei Jahre vor der Gründung der Synagogengemeinde Siegen, erhielt er „die Concession zur Eröffnung einer israelitischen Privatschule in Siegen“.
Durch Erlass des Ministers für geistliche Angelegenheiten vom 22. November 1885 wurde die jüdische Privatschule Siegen in eine öffentliche Schule mit einem eigenen Schulverband umgewandelt. Damit erhielt sie den gleichen Status einer öffentlichen Anstalt wie die evangelische und die katholische Volksschule.
Nach achtjähriger Tätigkeit in Siegen nahm Felix Coblenz 1889 das Amt eines Religionslehrers und Predigers der Synagogen-Gemeinde Bielefeld an. Er promovierte 1895 an der Universität Zürich. Zur Einweihung der Synagoge Siegen am 22. Juli 1904 hielt Dr. Coblenz die Festpredigt. 1917 folgte er der Berufung als Rabbiner an die jüdische Reformgemeinde Berlin. Dr. Felix Coblenz starb am 3. September 1923 in Berlin.

Meyer Lilienfeld

Meyer Lilienfeld wurde 1866 in Neuenkirchen bei Wiedenbrück geboren. Er bewarb sich 1889 um die Stelle als Lehrer und als Kultusbeamter der jüdischen Gemeinde Siegen. Zunächst wurde er nur provisorisch angestellt. Am 1. Mai 1889 nahm er den Dienst auf. Nach achtjähriger Tätigkeit in Siegen zog er 1897 nach Essen-Steele. Meyer Lilienfeld starb 1908.

Simon Grünewald

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S.Grünewald

Der dritte und letzte Lehrer vor dem gewaltsamen Ende der Synagogengemeinde Siegen am 10. November 1938 war Simon Grünewald.

Simon Grünewald wurde am 2. Mai 1870 in Pömbsen geboren. Er war das zweite der fünf Kinder des Gastwirts Simon Grünewald und dessen Frau Regina geb. Rose.
Die Ausbildung zum Lehrer erhielt Grünewald an der Alexander-Haindorf-Stiftung in Münster. Im Sommer 1889 legte er die Erste Lehrerprüfung in Warendorf ab. Die Zweite Lehrerprüfung bestand er Ende Oktober 1893 am „Königlichen evangelischen Schullehrer Seminar“ in Soest. Die ersten Anstellungen von zwei bzw. sechs Jahren Dauer erhielt er in Enger bei Herford und in Geseke im Kreis Soest, wo er jeweils, wie später in Siegen, einziger Lehrer einer jüdischen Volksschule war. Vom 1. Mai 1897 an war Grünewald Lehrer, Prediger und Kantor in Siegen. Wegen der geringen Schülerzahlen in der jüdischen Schule und vor allem wegen des Lehrermangels an den evangelischen und katholischen Schulen der Stadt während des Ersten Weltkrieges wurde 1915 der Unterricht an der jüdischen Schule eingestellt. Grünewald wechselte an die evangelische Stadtschule Siegen. Hier unterrichtete er bis zu seiner durch Krankheit bedingten vorzeitigen Pensionierung am 20. März 1930. Den Dienst als Prediger und Kantor der jüdischen Synagogengemeinde Siegen versah Grünewald weiter bis zu seiner Flucht 1939.
Am Mittag des 10. November 1938 musste Simon Grünewald die Zerstörung der Synagoge miterleben. Die Synagoge, zu deren Grundsteinlegung er 1903 die Festrede gehalten hatte, die Synagoge, an der er 34 Jahre lang als Prediger und Kantor tätig war.
Mit Hilfe ihrer Kinder Heinrich und Elfriede und deren Familien gelang Johanna und Simon Grünewald im Juni 1939 die Flucht in die USA. Wenige Monate nach der Ankunft in New York starb Simon Grünewald am 4. Dezember 1939 an Krebs.

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Simon Grünewald im Kreise seiner Schüler.

Literaturhinweis:
Hartmut Prange, Simon Grünewald – Lehrer, Prediger und Kantor in Siegen, Siegen 2012, 64 S., 5 €

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